„Eine ganz tolle Einrichtung für die damalige Nachkriegsgeneration“


Stadtarchiv und Volkshochschule präsentieren einen Film über die VHS-Zeltlager 1949-1961

Am Donnerstag, 01.12.2022, wird um 19 Uhr im großen Sitzungssaal des Winnender Rathauses der Film „VHS-Zeltlager 1949-1961“ gezeigt. Dabei handelt es sich um eine Co-Produktion von Stadtarchiv und Volkshochschule, an der ehemalige Teilnehmende mitgewirkt haben. Das Video entstand aus Anlass des 75-jährigen VHS-Jubiläums, das 2021 aufgrund der Corona-Pandemie nicht mit Präsenz-Veranstaltungen begangen werden konnte. Die Bürgerschaft ist herzlich eingeladen. Für Getränke und Knabbereien wird gesorgt.  

Die Volkshochschule Winnenden wurde am 23. Oktober 1946 mit Genehmigung der US-Militärregierung gegründet. Bedingt durch NS-Diktatur und Krieg herrschte in der Bevölkerung ein starkes Bedürfnis nach Bildung. Entsprechend stießen die ersten Kursprogramme auf positive Resonanz. Im Sommer 1949 führte die Volkshochschule in Horn bei Radolfzell am Bodensee erstmals ein Zeltlager für Kinder und Jugendliche durch. Der Erfolg war groß: 115 Jungen und 92 Mädchen nahmen daran teil. In den darauffolgenden Jahren wurde das Veranstaltungsformat weit über die Region hinaus bekannt und blieb bis 1961 eine feste Größe im VHS-Programm. Aus der damaligen Zeit hat sich ein Aktenbestand erhalten, der als Teil des Volkshochschularchivs im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Er erlaubt einen spannenden Blick hinter die Kulissen des Zeltlagers. Vorhanden sind z.B. Anmeldungen, Teilnehmerlisten, Verträge, Verzeichnisse über Ausrüstungsgegenstände, Förderzusagen, Merkblätter und Tagesberichte.

Bei Christel Ludwig, bis 2010 VHS-Leiterin und seitdem ehrenamtliche Mitarbeiterin des Stadtarchivs, kam die Überlegung auf, ergänzend zu den Akten auch Zeitzeugnisse von Teilnehmenden des Zeltlagers zu sammeln. Im Sommer 2020 wurde in der lokalen Presse ein Aufruf veröffentlicht, der etliche Rückmeldungen brachte – ein Zeichen dafür, dass die Erinnerung an diese Ferienaktivität in Winnenden nach wie vor lebendig ist. Die eingegangenen Bilder und Berichte regten dazu an, einige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Rahmen eines Films zu interviewen. Stadtarchivarin Michaela Couzinet-Weber erklärte sich bereit, das Projekt federführend zu betreuen.     

Im zweiten Halbjahr 2020 begann das Stadtarchiv mit der Digitalisierung der von Teilnehmenden zur Verfügung gestellten Fotos. 2021 gelang es der VHS, bei der Bürgerstiftung Winnenden eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 500 Euro einzuwerben. Christel Ludwig und Archivarin Couzinet-Weber entwarfen ein Konzept für den Film. Im Herbst verschickte die VHS einen von Frau Ludwig erarbeiteten Fragebogen an die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die sich 2020 gemeldet hatten, um ihre Bereitschaft zu einem Interview vor der Kamera zu ermitteln. Der erste Dreh mit Martin Fischer, einem Zeltlager-Teilnehmer der Jahre 1949 und 1950, fand vor Weihnachten statt.

Die nächsten Interviews wurden im Februar 2022 in den Räumen des Stadtarchivs durchgeführt – mit Brigitte Gutemann, Inge Klöpfer, Gerda Koos, Gertrud Lang, Karin Seibold und Volker Stahl. Aus dem umfangreichen Filmmaterial wählte Christel Ludwig Passagen für einen Vorschnitt aus, der noch weiter verfeinert wurde. Den „roten Faden“ erhielt das Video durch Anfügung einer historischen Einordnung des Zeltlagers und einer erläuternden Hinführung zu den Interviewausschnitten. Um mehr Anschaulichkeit zu erreichen, wurde der Film mit Bildern und Schriftstücken unterlegt, die hauptsächlich aus dem Fundus der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie aus dem Stadtarchiv stammen. Für die musikalische Untermalung zeichnet Martin Fischer verantwortlich. Er spielte am Klavier verschiedene Lieder ein, die bei den Zeltlagern gesungen wurden, etwa „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ und „Im Frühtau zu Berge“.

Knapp 30 Minuten lang ist das Video letztendlich geworden. Zur Sprache kommen frühe Prägungen der Interviewten wie der Beschuss Winnendens durch US-Feldartillerie am 20. April 1945. Daran anschließend richtet sich der Fokus auf einzelne Facetten des Lebens im Zeltlager. Thematisiert werden u.a. das gemeinsame Essen, das Baden im Bodensee, das Spielen und Singen, Streiche, Elternbesuche, Wettbewerbe und Erinnerungen an die Lagerleiter. Besonders im Gedächtnis geblieben sind den Teilnehmenden zudem Ausflüge ins Bodensee-Hinterland, auf den Pfänder bei Bregenz oder in die Schweiz. Am Ende stimmen alle überein, dass sie durch das VHS-Zeltlager für ihr späteres Leben etwas mitgenommen haben. Es war, resümiert Martin Fischer, „eine ganz tolle Einrichtung für die damalige Nachkriegsgeneration“.          

Allen Mitwirkenden sei an dieser Stelle gedankt: der ehrenamtlichen Stadtarchiv-Mitarbeiterin Christel Ludwig, den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (einschließlich der im Artikel nicht Genannten), den Filmproduzenten Hans-Martin Fischer und Helmut Staiger sowie dem Team der VHS mit seinem Leiter Andreas Frankenhauser.

Nachtrag 2. Dezember 2022: Das Video ist inzwischen auch auf YouTube abrufbar.

Foto: Vorführung beim Zeltlager 1953 in Kressbronn. Foto: Inge Klöpfer


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